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Vom Bauernlegen oder Wie die Gutsherren ihre Macht ausbauten

Die für Mecklenburg so typischen Gutswirtschaften hatten sich wie im übrigen ostelbischen Raum seit dem 16. Jahrhundert herausgebildet. Doch wie kam es, dass hier die Gutsherren als Großgrundbesitzer besonders mächtig wurden?

Bevölkerungszunahmen, das Städtewachstum und die Erweiterung des Handels ließen die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten ständig ansteigen. Die notwendige Steigerung der Agrarproduktion verlief in Deutschland auf unterschiedlichem Wege. Während die Grundherren westlich der Elbe ihre Eigenwirtschaft einschränkten und den größten Teil des Landes gegen einen festen Pachtzins den Bauern zur Nutzung überließen, gingen die ostelbischen Adligen den entgegengesetzten Weg. Sie sahen in einer vergrößerten Eigenproduktion das geeignetste Mittel, schnell ihre Einnahmen erhöhen zu können. Damit verschob sich das Hauptgewicht der landwirtschaftlichen Produktion in den herrschaftlichen Gutsbetrieb.

Dafür wurde zunächst wüst gewordenes Bauernland zum Gutsland eingezogen und die Bauern zur Arbeit auf dem Gut verpflichtet. Sie wurden Gutsuntertanen und unterlagen der Polizeigewalt und der niederen Gerichtsbarkeit des Gutsherren. Demgegenüber war der Gutsherr verpflichtet, im Krankheitsfall und im Alter für die Bauern zu sorgen. Es bestand also ein festes Abhängigkeitsverhältnis der Dorfbewohner vom Gutsherrn. Diese Verbindung macht das Wesen der Gutsherrschaft aus. Die Gutsländereien bildeten jedoch anfänglich keine einheitliche Fläche, sondern lagen zerstreut innerhalb der dörflichen Feldmark.

Die Gutswirtschaften spezialisierten sich auf den Getreideanbau und erfuhren durch die stetig wachsende Nachfrage einen raschen Aufschwung. Die praktizierte Dreifelderwirtschaft setzte aber einer Anbauerweiterung bald sehr enge Grenzen. So begannen Anfang des 18. Jahrhunderts einige mecklenburgische Adlige (Graf Bernstorff, Landrost von der Lühe) auf ihren Gütern mit der Holsteinischen Koppelwirtschaft ein neues Betriebssystem einzuführen. Sie modifizierten dieses System entsprechend der einheimischen Verhältnisse und entwickelten die sogenannte mecklenburgische Schlagwirtschaft.

Ausgangs des 18. Jahrhunderts bestand diese aus insgesamt sieben Schlägen, jeweils drei Getreide- und Weideschlägen und einem Brachschlag. Die Schlagwirtschaft erforderte eine Separation der Gutsflächen und eine größere Geschlossenheit. Standen nun bäuerliche Hufen einer solchen Arrondierung im Wege, so zog man das bis dahin bäuerliche Land ein. Entweder wurden die Bauern gelegt und erhielten kleine Randflächen oder sie mussten ihre Bauernstelle verlassen und sich als Tagelöhner auf den Gütern verdingen.

Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts wurde immer mehr Bauern das Nutzungsrecht entzogen und das Gutsland vergrößert. Auf diese Weise sind in Mecklenburg bis 1780 ca. 600 Dörfer beseitigt worden und damit von der Landkarte verschwunden. Die Zahl der ritterschaftlichen Bauernstellen war von rund 12.000 Ende des 17 Jahrhunderts auf etwa 4.900 im Jahre 1755 zurückgegangen.

Die mecklenburgischen Herzöge hatten in dem 1755 zwischen ihnen und den Ständen geschlossenem „Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich“ versucht, das Bauernlegen durch ein Anzeigen der Niederlegung eines Dorfes beim Engeren Ausschuß, der Vertretung der Stände, etwas einzuschränken. Diesen aber äußerst dürftigen Bauernschutz umging der Adel dann noch, wo er nur konnte. Bis 1782 hatte die Ritterschaft weitere 49 Dörfer eigenmächtig gelegt und damit die Zahl der Bauern um 165 vermindert.

Mit der durch Rationalisierung und Intensivierung geförderten Schaffung großer Wirtschaftseinheiten wurde der Übergang zur modernen ostelbischen Gutswirtschaft vollzogen. Es begannen sich jene großen Gutskomplexe herauszubilden, die wir heute mit dem Begriff des Gutsbetriebes oder der Gutswirtschaft bezeichnen, nämlich geschlossene Wirtschaftseinheiten mit einer Größe von mehr als 100 Hektar. Sie prägten dann bis in das 20. Jahrhundert die Struktur der ostdeutschen Landwirtschaft.

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